Gastbeitrag: Befreundet Euch mit dem Waldrapp

Das Internet der Tiere war mir bis vor kurzem überhaupt kein Begriff. Dabei ist die Entwicklung, Tiere mit Sensoren auszustatten, die Informationen ins Internet funken, gar nicht so neu. Braucht man das? Muss das sein? – ich schätze, das ist bei vielen die erste Reaktion, wenn sie von diesem Internet der Tiere hören. Tatsächlich fällt die Antwort darauf nicht eindeutig aus. Ziegen beispielsweise spüren einen Vulkanausbruch lange bevor unsere Überwachungsgeräte anschlagen. Sind Ziegen, die an einem Vulkan leben, also mit entsprechenden Sensoren ausgerüstet, und beginnen sie, sich merkwürdig zu verhalten, lässt sich daraus schon früh rückschließen, dass ein Ausbruch bevorsteht. Menschen können dementsprechend früh die Gefahrenregion verlassen.

2015_10_29_internetdertiere

Große Haie, kleine Fische

Ein anderes Beispiel sind Haie mit Sensoren. Sowohl Katharine als auch Mary Lee senden ihre Daten ins Netz – und haben eigene Twitter-Accounts mit sehr vielen Followern. Durch die gesendeten Informationen wollen Wissenschaftlern den Menschen die Angst vor Haien nehmen und ihnen deren Leben näher bringen. An einigen Stränden in Australien sollen außerdem Leinwände aufgestellt sein: Kommt ein Hai mit Sensor in die Nähe eines Geo Fences wird ein Tweet abgesetzt, der dann auf der Leinwand die Badenden warnt.

Skeptisch trotz aller Vorteile

Seit ich für einen Kunden das Buch Das Internet der Tiere: Der neue Dialog zwischen Mensch und Natur
von Alexander Pschera zum Thema gelesen habe, bin ich übrigens bei Facebook mit Waldrappen befreundet. Auch sie sind mit Sensoren ausgestattet. Der Vogel ist wohl vom Aussterben bedroht, doch mithilfe der Sensoren können die Betreuer den Waldrappen helfen, wenn sie sich beispielsweise bei der Flucht vor dem kalten Winter in den Süden verfliegen. Als ein Waldrapp einmal für längere Zeit verschwunden war, mobilisierte man sogar die Facebook-Freunde der Vögel, die dann bei der Suche halfen.

2015_10_29_internetdertiere2

Folge dem Waldrapp

Das alles sind durchaus sinnvolle Anwendungen. Und doch ist es merkwürdig, dass die Natur und die Tiere so transparent werden. Finde ich jedenfalls. Pschera nennt in seinem Buch viele negative Beispiele: Er argumentiert unter anderem, dass Wildnis so keine Wildnis mehr ist. Mich interessiert, wie Ihr das seht. Das Internet der Tiere – ist es sinnvoll oder nicht?

Cicero hat übrigens auch einmal über das Thema berichtet.

Die Autorin Bettina Blaß ist selbstständige Wirtschafts-Journalistin, Dozentin und Buchautorin in Köln. Ihre Homepage: http://www.wirtschaft-verstehen.de

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich gratuliere zur Freundschaft mit dem Waldrapp. Mich fasziniert schon nur der Anblick dieser Tiere.
    Auch die Form der digitalen Freundschaft zu einem wilden Tier hat etwas für sich. Tierfreunde erfahren damit Nähe zu einem wilden Tier. Sie können es beobachten, werden über bestimmte Ereignisse in dessen Leben informiert, ohne es zu stören oder es gar von seinen natürlichen Verhaltensweisen abzuhalten oder ihm gar artfremde menschliche Regeln aufzuzwingen. Letzteres ist ja leider bei vielen Haustieren erforderlich, damit man ihre Nähe erfahren kann.
    Aber ich meine, das sollte nicht dazu führen, dass sich jetzt jeder einfach so einen Waldrapp per Facebook sucht oder von mir aus auch ein Eichhörnchen, Reh oder Wolf. Die Tiere müssen schließlich mit irgendeiner Technik ausgestattet werden, damit wir sie digital verfolgen können. Und das geht nicht ohne Belastung. Sei es der Stress beim Fang oder die Belastung durch die Narkose. Wenn überhaupt, ist das nur durch einen höheren Zweck zu rechtfertigen. Ich vermute, dass der beim Waldrapp im Artenschutz liegt, im Bemühen, dass die Wiederansiedlung an verschiedenen Orten einschließlich dem Erlernen der Reiseroute liegt. Auch für andere Zwecke der Verhaltens- und ökologischen Forschung ist es ja gang und gäbe, das Tiere mit Sendern ausgestattet werden. Allerdings geht selbst das auch schon mal schief. So wurde kürzlich das Bild einer Eisbärin bekannt, der ein Senderhalsband offenbar eine gravierende Verletzung zufügt hat.
    Ich sehe bei der digitalen Freundschaft zu Artenschutzprojektrepräsentaten wie dem Waldrapp allerdings auch Ambivalenz. Wenn die digitale Freundschaft dazu führt, dass Menschen sich um die wilden Tiere in der Art von Helikoptereltern kümmern, dann kann das dem Artenschutz auch zuwider laufen. Wenn sich zum Beispiel ein Waldrapp bei der jährlichen Wanderung verfliegt, muss das kein fataler Fehler sein. Vermutlich sind bei der Entwicklung der Wanderrouten viele Waldrappe irgendwo an Orte geflogen, die die meisten anderen nicht auf ihrem Routenplan hatten. Vielleicht fanden einzelne Populationen so neue Ziele. Helikopter-Facebook-Freunde könnten in solchen Fällen denken: „Alles falsch, mein Freund muss doch woanders hin“. In vorliegenden Fall des Waldrapp-Projektes weiß ich nicht, ob das vorkommt, gehe aber davon aus, dass die Zoologen sich davon nicht beeinflussen ließen.
    Zu den Ziegen als Vulkanfrühwarnern weiß ich nichts. Aber, dass Menschen die Sinne von Tieren für ihre Zwecke nutzen, ist ja gang und gäbe wie das Beispiel von Rauschgiftspürhunden und Trüffelschweinen zeigt. Die Frage ist, wie stark man sich bei welcher Anwendung darauf verlassen kann. Bei so existentiellen Dingen wie der Haiwarnung am Great Barrier Reefwürde ich persönlich nicht mal eine Zehe ins Wasser stecken, wenn die ganze Sicherheit an ein paar Facebook-Haien hängt (Was ich mir nicht vorstellen kann).
    Für die Wesenheit der Wildnis sehe ich, wenn die digitale Ausstattung der Tiere keine Eingriffe in die Wildnis nach sich zieht, keine Gefahr. Ansonsten werden solche Beobachtungen – ob nun per Internet oder ganz normaler Telemetrie – ja mitunter gemacht, um Eingriffe in die Wildnis bei menschlichen Planung möglichst wenig störend zu gestalten. Wenn Planer per telemetrischer Beobachtung wissen, wo die Wanderwege von Tieren verlaufen, können sie u. U. das beim Bau der nächsten Straße etc. berücksichtigen.

Schreibe einen Kommentar