Journalisten, lernt Facebook!

Der Text ist in der Januar-Ausgabe des DJV-NRW Journals veröffentlicht worden.

Facebook ist böse, ganz böse. Die sammeln Daten wie blöde, geben alles an Fremde heraus und es ist ein furchtbarer Zeitfresser, mit dem man sich besser nicht beschäftigen sollte. So denken Journalisten, zumindest einige, die ich in letzter Zeit getroffen habe. Ich rede dabei nicht von der Generation, die dem Bleisatz hinterher trauert, sondern von Menschen, die im Idealfall noch 30 Jahre im Beruf vor sich haben.

Natürlich gibt es viele Kolleginnen und Kollegen, die Facebook, Twitter und Co. beherrschen und auch in der täglichen Arbeit einsetzen. Aber leider eben auch viele, die Social Media verteufeln. Das ist schade. Denn Facebook ist aus der (Medien-)Welt kaum noch wegzudenken, gerade bei Jugendlichen. Den Lesern und Zuschauern von morgen. Deshalb versuche ich mal ein paar Vorurteile auszuräumen, die mir in den letzten Monaten im Kollegenkreis begegnet sind. Also die Wahrheit über Facebook:

Facebook sammelt Daten und macht damit Werbung

Ja, von was leben Medien denn? Vom Verkaufserlös und von Werbung. Das gilt für alle Medien, selbst die öffentlich-rechtlichen Sender kassieren Geld für Werbespots (wenn auch das Gros aus den Gebühren stammt). Facebook versucht, die Werbung auf jeden Nutzer anhand seiner Vorlieben passend einzublenden. Vielleicht bin ich eine Ausnahme, aber es funktioniert bei mir nicht. Facebook kennt meinen kompletten Unterhaltungsgeschmack und mein Freizeitverhalten. Passende Anzeigen sehe ich sehr selten.

Und selbst wenn: Facebook kann doch nur Sachen von mir analysieren, die ich selber bekannt gegeben habe. Wenn Sie Facebook nicht mit Daten versorgen wollen, schreiben Sie eben nicht, was Ihre Interessen sind, klicken nirgendwo auf „Gefällt mir“ und dann soll Mr. Zuckerberg mal sehen, woher er erfährt, was Sie mögen.

Da sehe ich nur Mist

Was machen Sie, wenn im Fernsehen Volksmusik läuft und Sie keine Volksmusik mögen? Sie schalten um. Und wenn Sie bei Facebook etwas sehen, was Sie nicht interessiert, ist es mit zwei Klicks ausgeblendet. Ein weiterer Klick verhindert, dass Sie von der betroffenen Person überhaupt noch etwas zu Gesicht kriegen. Eine sehr sinnvolle Funktion, weil manche Zeitgenossen auch Facebook-hyperaktiv sind.

Ich will nichts Privates von mir preisgeben

Müssen Sie doch auch nicht. Wie eben erwähnt, wenn Sie Facebook nichts geben, lesen Sie halt nur mit, was andere so schreiben. Es macht schließlich nur eine Gruppe von unter 100.000 Menschen in Deutschland die Medien für 80 Millionen. Und wenn Sie doch mal was reinschreiben oder auf Ihre Arbeit aufmerksam machen, können Sie genau bestimmen, wer das lesen kann.

Ich habe lieber echte Freunde

Stimmt. Auch ich habe lieber echte Freunde. Von meinen ca. 600 Facebook-Freunden würde ich gerade mal 20 als Freunde im engeren Sinn bezeichnen. Alle anderen sind Kontakte, die privat und beruflich in verschiedenen Lebenssituationen angesammelt worden. Aber ich bin neugierig (sollten das Journalisten nicht generell sein?). Ich finde es interessant zu erfahren, ob jemand, mit dem ich zusammen in der Schule war, geheiratet hat. Auch wenn ich denjenigen nur alle fünf Jahre zum Klassentreffen sehe und selbst da kein Gesprächsthema mit ihm finde.

Facebook hat das Wort Freund entwertet. Dafür gibt es dann die Freundeslisten. Die Liste „Enge Freunde“ beinhaltet auch nur diese. Und Sie können mit Menschen befreundet sein und diese gleichzeitig so einschränken, dass sie gar nichts von Ihnen sehen.

Ich verwalte meine Freunde in ca. einem Dutzend Listen. Zum Beispiel gibt es eine Liste, in der nur Menschen sind, die beruflich was mit Medien machen. Warum soll ich dem Schulfreund, der Tierarzt ist, etwas über die Tarifbedingungen von Journalisten schicken? Und was ich privat so mache, interessiert bestimmt nur wenige Redakteure und Kunden.

Kommunikation ist alles

Facebook erfüllt für mich verschiedene Zwecke. Es ist ein Informationsmedium. Ich erfahre von Ereignissen und Terminen, lerne neue Musik kennen und vieles mehr. Da meine Themen IT-lastig sind, finden sich davon naturgemäß viele Meldungen in den Social Networks wieder. Und Facebook ist für mich ein Kommunikationsmedium. Es ist einfacher, eine Facebook-Nachricht als eine E-Mail zu schreiben. Ich sehe zuverlässiger, ob die Nachricht gelesen wurde und kann einfacher mit mehreren schreiben.

Teile und herrsche

Nicht im historischen Sinn zu verstehen. Dank Facebook bin ich mein eigenes Medium. Wenn ich etwas finde, das ich so gut finde, dass auch andere es sehen sollen, teile ich es auf Facebook. Das kann ein Beitrag eines anderen Nutzers sein. Oder mein eigener Artikel…Man muss ein bisschen die Rampensau in sich wecken, wenn man seine Freunde mit den Ergebnissen der eigenen Arbeit versorgt. Echte Freunde sagen einem schon, wenn es zu viel wird. Alle anderen klicken Sie weg.

Als (freier) Journalist sollten Sie die Viralität des Teilens zu schätzen lernen. Sie suchen einen Interviewpartner? Sie wollen ein tolles Projekt promoten, am besten was mit Kindern, Kochen oder Katzen? Dann teilen Sie das mal mit 600 Freunden, die das wiederum mit ihren Freunden teilen und freuen sie sich über die Reaktionen in Form von Klickzahlen oder ähnlichem.

Ich habe keine Zeit für Facebook

Die sollten Sie sich nehmen. Einmal am Tag fünf Minuten reichen doch. Ich selbst verbringe auch nur fünf Minuten in Facebook – jedoch mehrmals am Tag. Dank Facebook weiß ich auch, dass ich mir gerne Katzenbilder anschaue. Folgen Sie McLuhan und lassen Sie sich vom neuen Medium massieren. So ein Katzenbild kann unheimlich beruhigend wirken.

Der Sinn der Katzenbilder

Facebook ist ein Kommunikationsmedium. Wir als Journalisten machen Kommunikation. Wie können wir uns da dem Medium verschließen? Einem Medium, in dem jeder veröffentlichen kann. Unser Grundgesetz sagt: „Jeder hat das Recht, seine Meinung…zu veröffentlichen.“ Mit Facebook (und anderen Diensten) ist das, was die Väter des Grundgesetzes wollten, alltagstauglich geworden. Klar, dass es auch viel Mist gibt. Aber ich sehe auch kaum Fernsehen, weil es da zu viel Mist gibt. Sie mögen keine Katzenbilder? Wegklicken. Wenn Sie keinen beruflichen Ansatz für sich in Facebook erkennen können, probieren Sie es trotzdem aus. Um Spaß zu haben. Um besser mitreden zu können. Um neue Ideen zu kriegen. Um zu verstehen, warum Ihre Kinder es den ganzen Tag nutzen. Um zu sehen, was die Generation bewegt, die morgen Ihre Leser/Zuschauer/Redakteure/Kunden bildet. Um zu lernen, wie Medien in Zukunft funktionieren. Können eine Milliarde Menschen irren? Ich denke: nein. Und wenn wir uns doch irren und es demnächst etwas anderes als Facebook gibt, müssen wir Journalisten uns auch das genau anschauen. Doch bis dahin, schauen Sie sich bitte Facebook an.

Veröffentlicht von

Journalist und Inhaber dieses schönen Blogs.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

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  2. Hallo,

    ich bin durch Zufall auf deinen Artikel gestoßen – danke. Ich habe Facebook immer als Stress gesehen, da ich bei einigen Sachen nicht ganz durchgestiegen bin, diesen werde ich mich aber jetzt mal widmen…

    Grüße

    Björklunda

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